Genommen, Ernst

Rezensionen sind eine Menge Arbeit. Zuerst einmal benötigt es Zeit um das zu rezensierende Objekt ausgiebig zu testen, zu lesen, zu spielen, zu sehen. Dann sollte man noch eine stichhaltige Bewertungsmatrix anwenden, die subjektiven Eindrücke in objektive Fakten überführen, auch nicht ganz ohne. Zu guter Letzt darf man das so entwickelte Rohmaterial noch in eine angenehm zu lesende Form pressen. Ich würde nun gerne über zwei Geschichten sprechen, bei denen ich aber schon am ersten Punkt der Arbeit scheitere. Beide Geschichten habe ich erst zu 20% durch, und dennoch glaube ich viele wichtige Dinge schon jetzt sagen zu können.

Catherine

Bei Catherine handelt es sich um ein Konsolenspiel, das einen ungewöhnlichen Genremix darstellt. Der größte Part besteht aus einem Puzzleteil. Eine Steilwand ist zu erklimmen, dazu lassen sich Blöcke verschieben und zu Treppen zusammenfügen. So weit, so unspektakulär. Viel interessanter ist für mich der Adventureteil des Titels. Protagonist Vincent ist hauptsächlich am Spaß im Leben interessiert. Er hat seit etlichen Jahren eine Beziehung zur erfolgreichen und zielstrebigen Katherine, hat gerade zum wiederholten Male seinen Job gewechselt ohne sich zu verbessern und lebt so vor sich hin. Dieses bequeme Leben nähert sich nun aber dem Ende. Gemeinseme Wohnung mit Katherine, Heirat, eine mögliche Schwangerschaft, Vincent ist überfordert… und erwacht nach einem alkoholreichen Abend neben der 10 Jahre jüngeren Catherine, die seiner Vorstellung einer perfekten Frau schon ziemlich nahe kommt. Vorwärts getrieben wird die Story durch Unterhaltungen mit anderen Menschen in Vincents Stammkneipe. Jeder hat dort seine Probleme. Beziehung, Job, Lebenskrise, alles vertreten, die bekannt gewordenen Todesfälle unter untreuen Männern bilden da nur die Spitze des Problemberges. Und genau da haben wir den Punkt, auf den ich hinaus möchte. Es gibt ein halbes Dutzend verschiedener Endsequenzen der Story, Vincent brennt durch, Vincent bleibt bei seiner Freundin, Vincent endet alleine, alles möglich, und ich kann es beeinflussen. Manchmal durch Entscheidungen, bei denen ich keine Ahnung habe, welche Konsequenzen sie mit sich tragen, manchmal ganz offensiv. Das Spiel nimmt mich ernst und arbeitet mit meinen Entscheidungen um ein Thema zu behandeln, das mir interaktiv bisher noch nicht vorgesetzt wurde. Bücher und Filme behandeln solche menschlichen Begebenheiten gerne als Drama, da bin ich aber verdammt zuzusehen was sich der Drehbuchschreiber ausgedacht hat. Nun habe ich in Spielen schon ganze Universen gerettet, ich habe Drachen erschlagen und Prinzessinnen geehelicht. Alles schön soweit, doch das Thema der realistischen Lebensplanung habe ich noch nicht einmal bei den Sims entdecken können (aber wer 30 Minuten für eine Pinkelpause benötigt, hat vielleicht auch einfach andere Prioritäten). Über die optische Aufbereitung des Spiels lässt sich streiten. Gezeichnete Animesequenzen inklusive aller Klischees mit sprechenden Schafen und mordenden Albtraumbabys empfinden manche sicher als unpassend, aber mich stören sie in keinster Weise.

Catherine oder Katherine?

 

Daemon – Die Welt ist nur ein Spiel

Bei Daemon handelt es sich um ein Buch des Amerikaners Daniel Suarez. Dieser war als Softwareentwickler tätig und scheint nun das Schreiben für sich entdeckt zu haben. Bislang gibt es von ihm die beiden Bücher Daemon und dessen Fortführung Darknet, beide auch schon auf deutsch. Mein Kindle verrät mir, dass ich momentan sogar noch knapp unter der 20% Marke hänge, dies werde ich aber wohl bald ändern. Der Thriller handelt von Morden im Umfeld eines Softwarekonzerns, die recht schnell offenbaren, dass hier kein Mensch einen Auslöser drückt, sondern raffiniert ausgetüftelte Computerprogramme den Menschen das Licht ausblasen. Der Schuldige ist schnell gefunden, die Gefahr durch den von ihm programmierten Daemon aber noch lange nicht aufgehalten. Nicht nur, dass die Schreibweise Herrn Suarezs sehr angenehm ist und die Spannung sehr gut transportiert, nein, er weiß auch noch von was er schreibt. Keine Aneinanderreihung möglichst kompliziert klingenden Technikblablas nur um kompetent zu wirken. Keine Andeutungen, die den Leser verwirren und dem Autor die Arbeit des Nachdenkens ersparen. Nein, seine Ausführungen über die verwendete Technik sind logisch und genau so erklärt, dass der interessierte Laie versteht, und der wissende Profi nachvollzieht. Daniel Suarez nimmt seine erdachte Welt und den Leser ernst. Zu oft passiert eben dies nicht, wenn man ohne Recherche die Hälfte aller Fakten aus einem Galileo Bericht widerlegen kann, wenn man einen Science Fiction Film abschaltet, weil die Fiction nicht reicht um die Löcher in der Science zu kaschieren, immer dann fragt man sich, für wie doof die einen eigentlich halten.

Nochmal, dies hier sollen keine “kauft Euch!”-Rezensionen sein. Zu viel kann sich mir noch in den fehlenden 80% Inhalt  offenbaren, was mir sauer aufstößt und den Spaß auch im Nachhinein verdirbt. Es sollen Rezensionen sein, die aufzeigen, was diese beiden Geschichten in meinen Augen besonders macht (wohl wissend, dass es da draußen vermutlich etliche andere, ähnliche Storys gibt, die mir nur noch nicht bekannt sind). Ich werde ernst genommen, als nicht mehr pubertierender und nicht mehr unwissender Mensch, der ich bin. Mehr davon, auch wenn ich fürchte, dass dieser Weg zielgenau am Mainstream und dem finanziellen Erfolg vorbei führt.

Alles wird erwachsen

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2 Antworten zu “Genommen, Ernst

  1. Ich finde objektive Rezensionen doof 😉 Aber das merkt man vielleicht. Nicht ohne Grund lasse ich bei sowas immer den Technik-Kram so weit es geht außen vor.

    Gerade bei emotional behafteten Dingen wie Spielen soll doch drin stehen, WARUM einen das Spiel total angekotzt hat oder warum das Spiel sowas von genial war.

    Sowas wie hier ab ca. 13 Minuten… Einfach warten bis sie Trants Rezi zu God of War vorlesen! 😀 Großartig! Da stecken Emotionen drin und nicht nur das vielbeschworene runterrasseln von nackten objektiven Fakten.

    • Ich hätte gerne beides. Zu einem Toptitel müsste es möglich sein die üblichen Seiten mit dem üblichen Text zu füllen, die „Meinungskästen“ am Ende aber soweit aufzublähen, dass genau diese rein subjektiven Meinungen ihre Beachtung finden.

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