Windows 8 Release Preview

Seit etwas über einer Woche ist nun die letzte Vorabversion von Microsofts kommenden Betriebssystem Windows 8 verfügbar. Die sogenannte Release Preview hat nun einen fast fertigen Stand, steht kostenlos auf Microsofts Servern zur Verfügung, kann von jedem heruntergeladen und ausprobiert werden, ist aber immer noch nicht fertig und kann auch schwerwiegende Fehler enthalten. Soviel zu den langweiligen Dingen, die gesagt werden mussten.

Nun zu den erstaunlichen Dingen: Microsoft traut sich was. Während die alten Rebellen von Apple seit einiger Zeit nur noch Updates zur Pflege des Systems herausbringen und die Änderung der Standardscrollrichtung des Mausrades das (an der Anzahl der Userkommentare gemessene) größte Feature in vielen Jahren war, traut sich Microsoft Dinge über den Haufen zu werfen, die man über mittlerweile 17 Jahre eingeimpft bekam.

Start

Das Startmenü, dass sich seit Windows 95 unten links hinter einem Startknopf, einem Ball oder sonst was mit einem Windowslogo verbarg ist nun weg. Neu ist dafür der oben zu sehende Startbildschirm mit den von Windows Phone 7 bekannten Livetiles. Hinter jeder dieser Kacheln befindet sich ein Programm, das durch anklicken gestartet wird. Der Vorteil gegenüber einem simplen Desktopicon liegt darin, dass die Programme Infos direkt auf der Kachel darstellen können. Da zeigt die Mail Kachel schon den Absender und den Betreff der zuletzt empfangenen eMail, der Kalender zeigt den nächsten Termin, die Nachrichtenkachel präsentiert die neueste Headline und und und. Dafür müssen die Kacheln aber leider eine gewisse Mindestgröße aufweisen, und die führt uns zum Nachteil dieser (Metro getauften) Oberfläche: Sie nimmt Platz weg. Mit einer Maus lässt sich ein nur wenige Pixel großer Bereich schnell und zuverlässig treffen, das hier grenzt an den berühmten Schuss auf’s offene Scheunentor. Wenn die Anzahl der Kacheln zu groß für einen Bildschirm wird geht es nicht wie gewohnt unten weiter, sondern rechts. Horizontales scrollen ist generell unbeliebt, um an die gewünschten Programme zu kommen erst recht.

Zudem bekommt nicht jedes Programm die Möglichkeit die Vorteile zu nutzen. Nur die neu programmierten Metroapps bekommen Zugang zu den erweiterten Möglichkeiten. Ja, genau, Apps. Stilecht mit eigenem von Microsoft geführten Store, ganz nach Appstore Vorbild von Apple.

Store

Bislang sind alle Apps in diesem Store kostenlos, ein Umstand, der sich mit Launch des finalen Systems ändern wird. Natürlich laufen auf Windows 8 nicht nur die neuen Apps, sondern auch nahezu alle anderen, mit Windows 7 kompatiblen Programme. Diese landen zwar auch mit einer Kachel auf dem Startbildschirm, mehr als ihr Icon und ihren Namen dürfen sie dort jedoch nicht anzeigen. Da sich Programme auf dem Startbildschirm beliebig bewegen und sogar entfernen lassen gibt es auch noch eine Appübersicht, die die Menüstruktur des alten Startmenüs zumindest wieder erahnen lässt.

Apps

Sobald ein normales Windowsprogramm gestartet wird, verschwindet der Startbildschirm und es erscheint der altbekannte Desktop, dessen Design jedoch noch nicht final ist. Leichte Anpassungen werden da noch folgen (wie zum Beispiel der Verzicht auf die Transparenzeffekte).

Desktop

Irgendwie ist also doch alles da, was man kannte, aber doch wieder ganz anders. Es wird viel Einarbeitung in Windows 8 erforderlich sein, vor allem da ich noch lange nicht auf alle Änderungen an der Oberfläche eingegangen bin. Wofür das Ganze? Riesige Klickbereiche und bildschirmfüllende Ansichten wann immer möglich, die meisten werden es wohl erkannt haben, Microsoft will auf den Markt der Touchdevices. Gerade Tablets sind das Ziel, aber auch Touchscreens an einen normalen PC zu bekommen. Nun sind das aber nicht nur vom Handling, sondern vor allem von der Technik zwei Welten. Die x86 kompatiblen Intel und AMD CPUs auf der einen Seite, und die ARM Plattform auf der anderen. Da die ARM Prozessoren zwar extrem energieeffizient sind, aber dafür bei der Performance nicht gegen die alteingesessene x86 Technik ankommen, musste Microsoft hier doch etwas trennen. Es wird Tablets mit Intel und AMD Prozessoren geben, auf denen Windows 8 läuft, auf der bisher bekannten Tablettechnik wird hingegen nur eine eingeschränkte Fassung namens Windows RT laufen. Windows RT bringt keinen Desktop mit und wird einzig und alleine Metroapps unterstützen. Wie die potentielle Käuferschaft auf die Fragmentierung des Windowstabletmarktes reagieren wird ist schwer zu sagen, aber der ein oder andere wird sich wohl wundern, dass auf seinem Schnäppchen leider nicht das gewünschte Steuersparprogramm ausgeführt werden kann, sondern er alles neu kaufen soll.

Damit wären wir bei den Änderungen unter der Oberfläche. Während bei Windows RT vieles neu ist, wird Windows 8 auf den bewährten NT Kernel zurückgreifen, natürlich eine aktualisierte Version. Windows 8 ist schnell. Auch ohne den Einsatz einer SSD ist der Bootvorgang durch etliche Tricks deutlich beschleunigt worden. Der Wechsel zwischen Desktop und Startbildschirm verläuft sehr schnell und absolut flüssig. Der Kopiervorgang von Dateien hat nun neue Anzeigen bekommen und vor allem lange erwartete Pausebuttons zum Unterbrechen von Dateioperationen. Der neue Taskmanager zeigt sinnvoll weitere Informationen zu den laufenden Programmen und generellen Systemwerten an.

Taskmanager

Verschiedene Benchmarks lassen auch schon vermuten, dass Windows 8 mit finalen Treibern ein gutes System für Spiele bildet. Das liegt sicher nicht am mitgelieferten Direct X 11.1, da die Release Preview noch mit Direct X 11 arbeitet. Der überarbeitete Scheduler soll noch besser mit vielen Kernen zurecht kommen, wovon vor allem die neuesten AMD Prozessoren profitieren sollten. Unterm Strich hat sich am Unterbau nichts gigantisches getan, aber viele kleine positive Änderungen haben Einzug gehalten.

Ich werde recht bald nach dem Erscheinen auf Windows 8 umsteigen. Mein aktuelles Windows 7 wird dann auf einen zweiten PC oder in eine VM ausgelagert, wo es dann mein altes Windows Vista ersetzen wird. Dabei ist diese Anschaffungsabsicht gar nicht wertend zu verstehen. Ich kaufe das System nicht, weil ich es so unsagbar genial finde, sondern einfach, weil ich zuhause an meinem PC gerne herumspiele und auch gerne neue Konzepte austeste. Die Vorversionen haben mir bisher nur zu verstehen gegeben, dass das System kein Totalausfall ist. Ich glaube, dass sich mit Windows 8 genauso schnell arbeiten lässt, wie mit dem Vorgänger, ich glaube aber nicht, dass ein Umstieg wirklich von Nöten sein wird, dafür ich Windows 7 zu ausgereift und zu stabil. Für mich als Bastler aber nach zwei Jahren im Einsatz auch zu langweilig.

tl;dr

Es gibt sehr viel Neues im Bedienkonzept von Windows 8, so neu, dass es viele Menschen zuerst einmal abschrecken wird. Unter der Haube hat sich nicht so viel getan, die Änderungen, die eingeflossen sind machen die Arbeit mit dem System jedoch angenehmer. Letztlich ist der Erfolg aber mindestens so fraglich, wie beim ungerechtfertigt verschrienen Windows Vista.

Alles wird tl;dr

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4 Antworten zu “Windows 8 Release Preview

  1. Schön geschrieben.

    Auf der einen Seite sehe ich die Notwendigkeit, dass Microsoft sich auch auf mobilen Geräten mit Touchsteuerung positionieren will und honoriere den Mut den Schritt so zu tun, wie sie es bei Windows 8 wohl tun wollen.

    Auf der anderen Seite finde ich es kompletten Schwachsinn, den User alternativenlos auf das neue Bedienkonzept loszulassen.
    Das mag alles für den Enduser mit seinem Touchtablet toll sein, aber im professionellen Bereich? Aktueller Stand ist, dass nicht mal jede Firma von Windows XP auf Windows 7 umgestellt hat. Muss ich da so reinkrätschen und sagen: Vergesst alles… wir machen das jetzt anders.
    Aus meiner Sicht wäre Windows 8 als Windows 7 Touch-Edition-Fork eine geschicktere Lösung gewesen.
    Analogie dazu ist wohl die Unity-Oberfläche von Ubuntu, mit der ich auf dem Netbook bis heute nicht warm geworden bin und die auf mich bis jetzt keinen vollständig ausgereiften Eindruck macht.
    Was mir in der ganzen Diskussion komplett fehlt: Wenn das der neue Windows-Kernel und das neue WIndows-Look-and-Feel ist: Wie sieht dann der Server aus? Admins die fuchtelnd vor dem Terminal stehen um eine neue Domäne anzulegen?

    • Windows Server 2012 bringt in der Standardinstallation keine GUI mehr mit, somit hat sich das Thema dort sowieso erledigt. Mal sehen, was sie aus der nächsten Home Server Version machen.
      Mit Unity bin ich auch nie klar gekommen, ich mag aber Gnome 3 sehr, und auch das bricht ja mit allen Konventionen. Die Gnome Macher haben auch eingesehen, dass es was Neues braucht.
      Ich rate jetzt einfach mal und behaupte, dass Microsoft Touchbildschirme auch an PCs bekommen will. Am besten All in One Systeme, die man sich an die Wand hängt, weg von dem Tower unterm Tisch. Und die Leute, die den PC beruflich brauchen, die sehen den Startbildschirm ja nur selten, weil sich die Arbeitsumgebung eh auf dem Desktop abspielt. Einmal Programme starten und Stunden lustig vor sich hin arbeiten. Das geht auch mit Windows 8 schnell und simpel.
      Die Verkaufszahlen von PCs, Notebooks und Netbooks gehen zurück, immer mehr gewinnen die Touchdevices, dem Trend muss der PC irgendwie hinterher kommen, und vielleicht geht das nur durch eine touchfreundliche GUI.

  2. Pingback: This is (not) a touchscreen – Hazamelistan

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