Tanke und bis bald

Ich denke, ich muss mal über einen Bereich meines Lebens sprechen, der den meisten Menschen nicht in voller Tiefe geläufig ist. Viele werden es wissen, ich arbeite nebenher als Verkäufer an einer Tankstelle. Nicht mehr sehr oft, statistisch gesehen wohl grob einmal in der Woche, zumeist ungleichmäßig verteilt.

Und gleich vorweg, nein, mit den Preisen haben wir nichts am Hut, die kommen per Datenleitung direkt aus der Zentrale. Und wir haben auch kein gesteigertes Interesse an hohen Benzinpreisen, denn wir verdienen pro Liter eh so wenig, dass uns als einzelne Tankstelle Preisschwankungen kaum betreffen.

Nun bin ich als Abend- und Wochenendaushilfe wohl wirklich das kleinste Rädchen in der Energieversorgungsbranche. Ich habe das Glück einen Chef zu haben, der mich dies nicht spüren lässt, ihm sind alle Angestellten wichtig, egal wie viele Stunden sie “ableisten”. Leider nicht selbstverständlich. Auch die Gesellschaft ist noch nicht so weit die Verkäufer derart zu degradieren, dass sie, wie bei mancher Konkurrenz, nur noch Geldscheine in eine Maschine schieben dürfen und die aktuellen Angebote an den Mann bringen müssen.

Obwohl wir sie sicher nicht gerne Besuchen, so sind wir doch früher oder später alle mal an einer Tankstelle und kaufen ein. Sei es nun das Sixpack als Biernachschub für den Filmabend oder die Tankfüllung für das Kraftgefährt. In der Grundausbildung der Bundeswehr sagte man mir, durch die Wehrpflicht wäre die Bundeswehr ein Querschnitt durch die gesamte Bevölkerung. Auf die Kunden einer Tankstelle mag dies fast noch mehr zutreffen. Und die zahlenmäßige Zunahme der sozialen Extreme, salopp gesagt “Flaschensammler und Porschefahrer”, ist gerade vor diesem Hintergrund bedenklich.

Ich möchte den Job ganz gewiss nicht glorifizieren, sehr viele Schichten sind entweder einfach nur stressig oder sterbenslangweilig. Die meisten Kunden wollen auch nur so schnell wie möglich wieder raus. Manche wollen sich endlich einmal unterhalten, weil sie sonst niemanden dazu haben. So erfährt man von verstorbenen Katzen, nach Übersee verzogenen Kindern und leidenschaftlichen Hobby-Autorestaurateuren. Nicht immer kommen solche Unterhaltungen zur rechten Zeit, manchmal behindern sie den Arbeitsablauf abseits der Kasse, aber auch mit falschem Timing geben sie intime Einblicke in das Leben von Mitmenschen, die ich sonst vermutlich nie getroffen hätte.

Dazu kommen Augenblicke, die nie positiv sind, und deren Nichterleben ich nicht bedauert hätte. Zum Beispiel eine gebrochenen Nase, weil es eine Dame eiliger hatte als unsere automatische Schiebetüre am Eingang. Die Diagnose folgte übrigens erst nach drei Wochen, da man ja gerade auf dem Weg in den Urlaub war. Zum Richten des Riechorgans musste eben jenes dann vom Arzt natürlich erneut gebrochen werden. Oder ein gerade volljähriger Mann, für den die vielbefahrende, kerzengerade Straße vor der Tankstelle (50 ist da mehr so eine freundliche Geschwindigkeitsempfehlung) als Bettersatz gerade gut genug war. Danke an dieser Stelle an die Bundeswehr, die mir beibrachte, wie man leblose Menschen richtig transportiert. Oder die Schlägerei knapp außerhalb des Tankstellengeländes, bei der sich (wie so oft) um ein Mädchen gestritten wurde, dass nur schreiend daneben stand als das erste Messer gezückt wurde. Und nein, es ist nichts passiert. Vielleicht setzte doch noch so etwas wie Vernunft ein, vielleicht war das Geschrei aber auch nur zu ohrenbetäubend, jedenfalls reichte die Drohgebärde um die Männer getrennte Wege gehen zu lassen. Oder sicher der tragischste Fall, eine junge Frau, kaum 20 Jahre alt, bleich, stammelt sichtlich angestrengt Worte vor sich hin, versucht sich eine Strähne zur Seite zu streichen, verschmiert damit aber nur das tropfende Blut, das sich den Weg von ihren getränkten Ärmeln zum Boden suchte, in ihrem Gesicht. Nach einer ewigen Schrecksekunde, die kein noch so blutrünstiges Computerspiel/Actionfilmchen/Comic weg zu trainieren vermag, ist wohl der letzte Gedanke, dass man nun den verdammten Fußboden ein weiteres Mal wischen darf.

Ich weiß selber wie schwierig es manchmal ist, nach einem anstrengenden Arbeitstag den/die KassiererIn im Supermarkt oder eben an der Tankstelle noch mit einem Lächeln zu begrüßen, aber wer weiß, vielleicht war sein/ihr Tag heute auch nicht ganz normal.

Alles wird getankt

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6 Antworten zu “Tanke und bis bald

  1. Pingback: 141012: WinzigeWürzburgerWebWanderung » Würzblog » 2012, bahnhof, basketball, blog, blogosphäre, tankstelle, wwww, zellerau

  2. Deswegen ist es für mich eine Selbstverständlichkeit freundlich zu den Kassenkräften zu sein und ihnen beim gehen auf jeden Fall noch einen schönen Abend/Tag/Wochenende zu wünschen.
    Ich bin auch immer wieder überrascht, wie herzlich sich so manche darüber freut.
    Da muss schon jemand sehr pampig gewesen sein, dass ich mir das verkneife.

  3. Wirklich aufschlußreich. Grundsätzlich soltle man zu jedem Berufstätigen – egal was er macht – frfeundlich sein und ihn be-achten.
    Für das eine Mädel hoffe ich, daß es sich für keinend er beiden Hornochsen entschieden hat, Für die 20jährige hoffe ich, daß es ihr gut geht und für alle anderen Dödeles hoffe ich, daß sie endlich ebgreifen, daß die Leute an der Kasse nichts für die Preise des Sprits können.

    • Ich weiß leider recht wenig über das weitere Schicksal all dieser Menschen. Polizei bzw. Notarzt haben sich ihnen angenommen, und ab da weiß ich natürlich nichts mehr.

  4. Pingback: Gastspiel in der Würzmischung24 | Nachtsatz

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