[X] Watchmen nachholen

Ich habe vor Kurzem Watchmen beendet. Nicht den Film, das würde ich nicht extra erwähnen, ich meine schon die Vorlage aus Papier.

In 12 Kapiteln breitet sich eine fantastische Erzählwelt aus, die auch grobe 25 Jahre nach ihrem Erscheinen beeindrucken kann. Eine Geschichte über Freundschaft, Verrat, Liebe, Politik und Wahnsinn – somit ist alles drin, was man für ein Jahrzehnte überdauerndes Werk braucht. Und dennoch habe ich an diesem Epos sehr deutlich gespürt wie stark sich die Erzählweisen in den letzten Jahren gewandelt haben.

Ich lese Comics seit frühester Kindheit. Meine ersten Comics wurden noch nicht einmal gelesen, sie wurden nur angeschaut, lesen war da noch nicht. Ich habe die üblichen Phasen der pubertierenden Comicleser mitgemacht, und ich habe sie alle gemocht. Von den freundlichen Zeichnungen eines Carl Barks über Joe Madureiras „Körperstudien“ in seinem X-Men Run bis hin zu den ausdrucksstarken Panels eines John Romita Jr.. Ich habe verschiedenste Autoren vergöttert. Ich habe verfolgt wie kreative Köpfe aus Comic- und Film/TV-Business hin und her diffundieren. Die bekanntesten Namen sind in dem Zusammenhang wohl Joss Whedon, Joe Michael Straczynski und Jeph Loeb. Ich habe kurz nach Abschluss von Spider-Mans Klonsaga alle Verbindungen zu amerikanischen Comics hingeworfen und fast ausschließlich Mangas konsumiert. Mittlerweile hat mich Marvel wieder recht fest in seinen Händen, von ein paar deutschen Heften und französisch/belgischen Alben abgesehen. In all dieser Zeit hat sich sehr viel an der Erzählstruktur der Geschichten verändert. Es passierte langsam, nur schwer zu bemerken, aber ein Klassiker wie Watchmen klatscht es Neulesern nun überdeutlich um die Ohren.

Genauso wie andere monumentale Meisterwerke aus der Zeit, wie die Rückkehr des Dunklen Ritters, liest sich Watchmen langsam. Eine Stunde pro Kapitel ist keine Seltenheit. Und genauso wie bei vielen tiefgreifenden Stories fängt auch diese zusammenhanglos und fast trivial an. Viel Hintergrundgeschichte, wenig Handlung. All dies macht das Gesamtkunstwerk Watchmen nicht schlechter, schmälert nicht das mulmige Gefühl, dass der Abschluss des letzten Kapitels hinterlässt. Es macht diesen mächtigen Schmöker nur schwer verdaulich für ungeübte Konsumenten.

Ich kam zu dem Sammelband eher zufällig. Ich erwähnte in bunter Runde, dass ich diese Geschichte noch nachholen müsste für meine kulturelle Allgemeinbildung. Daraufhin hörte ich von Frau Süss: „Kannst Du von mir haben, ich wollte mal wissen was man an Comics so finden kann und dann hat mir das ein Freund empfohlen, habe nach 30 Seiten aufgegeben“ (Gedächtnisprotokoll). Kann ich verstehen. Es gibt einen Grund warum im Deutschunterricht der siebten Klassen noch kein Faust gelesen wird. „Mein Junge, nun kennst Du alle Buchstaben des Alphabets, hier hast Du Krieg und Frieden, es wird Dir gefallen.“ Nein, wird es nicht.

Sollte ich Birgits Interesse an Comics, dieses zarte, scheue und verschreckte Pflänzchen (das Interesse ist zart, nicht die Birgit) noch einmal zu Gesicht bekommen, ich werde versuchen es noch einmal aufzupäppeln. Vorschläge, mit welchen nicht ganz so monumentalen Comicgeschichten, ich da ankommen könnte, sind natürlich gerne gesehen 🙂 Wäre doch gelacht, wenn man die Faszination dieser – und das Wort wähle ich ohne rot zu werden ­– Kunstform nicht gescheit transportieren könnte.

Alles wird grafische Literatur

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